netSCHOOL SPORT-Geschichte Wintersport

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Stefanie Arlt: "Von den Nordischen Spielen über die olympischen Wintersportwettbewerbe (1908 - 1920) zu den ersten Olympischen Winterspielen in Chamonix. Ein Beitrag zur Frühgeschichte des olympischen Wintersports unter besonderer Berücksichtigung französischsprachiger Quellen" (Auszüge)

6.3.3   Eishockey

Tab. 18:   Sieger Eishockey
1.CAN47:3 Tore10 Punkte
2.USA32:6 Tore5 Punkte
3.GBR6:33 Tore4 Punkte

Nach seiner Premiere bei den Olympischen Sommerspielen 1920 in Antwerpen stand der Eishockeywettbewerb auch bei der Wintersportwoche von Chamonix auf dem Programm. An den vom 28. Januar bis 3. Februar ausgetragenen Wettbewerben nahmen insgesamt acht statt neun gemeldeter Mannschaften teil, nachdem Österreich kurz vor Beginn der Eishockeywettbewerbe seine Meldung annullierte. Ebenso wie die anderen Eissportwettbewerbe wurden auch die 16 Eishockeybegegnungen im Eisstadion ausgetragen. Der Wettbewerb fand in einem Gruppensystem mit zwei Vorrundengruppen mit jeweils acht Mannschaften statt. Die beiden jeweiligen Gruppenersten qualifizierten sich für die Endrunde. In Chamonix waren das die vier Mannschaften aus Kanada, USA, Großbritannien und Schweden. Die Spielpaarungen, die bereits in einer der Vorrundengruppen stattgefunden hatten, wie beispielsweise die Begegnung Kanada gegen Schweden, wurden in der Finalrunde nicht mehr ausgetragen. Ebenso wie bei den Olympischen Spielen von Antwerpen ging auch aus dem Wettbewerb in Chamonix die kanadische Mannschaft als Sieger hervor.

Tab. 19: Übersicht über die Besucherzahlen der Eishockeywettbewerbe

VeranstaltungstagAnzahl der Zuschauer
28. Januar 1924Vormittag1.176
28. Januar 1924Nachmittag1.738
29. Januar 1924Vormittag1.307
29. Januar 1924Nachmittag1.638
30. Januar 1924Vormittag1.258
30. Januar 1924Nachmittag1.414
31. Januar 1924Vormittag1.247
31. Januar 1924Nachmittag1.532
1. Februar 1924Vormittag   960
1. Februar 1924Nachmittag1.499
2. Februar 1924Nachmittag1.540
3. Februar 1924Nachmittag1.854
Quelle: In Anlehung an: COMITÉ OLYMPIQUE FRANÇAIS (Hrsg.): Les Jeux de la VIIIe Olympiade Paris 1924. Rapport Officiel. Paris 1924, S. 665.

Wie bereits bei den Angaben zu den Zuschauerzahlen der Eiskunstlaufwettbewerbe, kann man auch hier nicht ausschließlich von Eishockeyzuschauern ausgehen. Ausschließlich die fettgedruckten Zahlen stellen eine eindeutige Zuordnung der Zuschauer zu den Eishockeywettbewerben dar, da während dieser Spiele keine anderen Wettkämpfe im Stadion stattfanden.
Während der offizielle Berichtsband nur von 1.854 Zuschauern beim Endspiel zwischen den USA und Kanada, das am 3. Februar ausgetragen wurde, spricht, ist die tatsächliche Anhängerschaft laut der Zeitung LE MIROIR DES SPORTS weitaus größer.

"Pour la première fois aujourd'hui, le stade olympique de Chamonix était comble, et s'il ne restait pas une place vacante dans les grandins et autour les points environnants, aussi bien de Suisse que de France, des milliers de sportsmen étaient venus assister à la prodigieuse partie de hockey, véritable championnat du monde de ce sports, qui opposait le Canada à l'Amérique. Plus de 7.000 personnes entouraient la patinoire et la recette s'éleva à 31.000 francs, ce qui sera un record bien difficile à battre pour les sports d'hiver en France."

GLARNER, A.: Au cours d'une splendide finale du tournoi de hockey, le Canada bat difficilement les États-Unis par 6 buts à 1. In: Le Miroir des Sports 5 (1924) 188, S. 86.

Die Angaben des MIROIR DES SPORTS gleichen denen der Zeitung L'AUTO:

"Le public n'a pas boudé le stade de glace aujourd'hui. Il l'a pour ainsi dire envahi. On lui a offert du sport. Il est venu. C'est une preuve que si trop souvent les Français s'appliquent mal au sport, dans la pratique ils finissent par en comprendre la beauté.
    Le match décisisf du Tournoi international et olympique de hockey sur glace a été joué devant un nombreux public qui envahit le stade de glace, devant des contrôleurs affolés et débordés et qui n'avaient jamais vu autant de monde. Ce fut également un énorme succès financier olympique, car la recette s'est élevée à 31.000 francs. Le Comité Olympique n'en croyait pas ses yeux!
    Le match disputé en présence du baron Pierre de Coubertin, président du Comité International Olympique, ayant à ses côtés le comte de Blonay et le comte Clary, a été remporté par le Canada, par 6 buts contre 1 but. Il fut émouvant, du commencement à la fin, vif, rapide, animé, émaillé de charges allant parfois jusqu'à la brutalité, mais immédiatement réprimées par l'excellent arbitre belge [...]."

LE TOURNOI OLYMPIQUE de Chamonix. En hockey, le Canada triomphe des Etats-Unis par 6 buts à 1. In: L'Auto 04.02.1924, S. 3.

"[...] je n'avais encore jamais vu spectacle de sport pur plus poignant, plus enthousiasmant, plus émouvant et plus étincelant que cette finale de hockey."

GLARNER, A.: Au cours d'une splendide finale du tournoi de hockey, le Canada bat difficilement les États-Unis par 6 buts ŕ 1. In: Le Miroir des Sports 5 (1924) 188, S. 86.

Abb. 22:   Eishockeyendspiel Kanada - USA
Quelle: http://www.aafla.com/ OlympicInformationCenter/ EarlyWinter

 
 
Das Eishockeyendspiel zog nicht nur viele Zuschauer in seinen Bann, sondern auch die Berichterstatter der Zeitungen, wie die beiden vorangegangenen Zitate verdeutlichen. Unter den Anwesenden befand sich neben einigen Mitglieder des IOC auch der IOC-Präsident Pierre de Coubertin.
 

 
6.3.4   Militärpatrouillenlauf

"In der Nacht zum 29. Januar war auf den glasharten alten Schnee eine dünne Schicht pulvriger Neuschnee gefallen, der für die erste Ski-Konkurrenz ziemlich günstige Bedingungen schuf: harte Unterlage mit wenig, aber gut führendem Schnee. Dagegen herrschte eine schneidende Kälte, und in den oberen Lagen behinderten wilder Sturm und Schneetreiben ab und zu die Mannschaften schwer."

WAGNER, J./EICHENBERGER,G.: Die Olympischen Spiele Paris 1924 veranstaltet unter dem Patronat des Internationalen Olympischen Komitees durch das Französische Olympische Komitee. Erinnerungswerk unter dem Patronat des Schweizerischen Olympischen Komitees. Zürich/München 19252, S. 129.

"La course a été particulièrement dure, et elle devait faire une sélection parmi les sélectionnés. Sans les rafales de vent, elle aurait pu être agréable, mais dès le départ il fallut faire provision d'énergie et de coeur."

LES JEUX DE CHAMONIX. In: L'Auto 30.01.1924, S. 4.

Unter diesen schwierigen Bedingungen wurde der Militärpatrouillenlauf als erster Skisportwettbewerb am Vormittag des 29. Januar 1924 ausgetragen. Von sechs startenden Mannschaften, zu denen vier Läufer gehörten, kamen lediglich die Mannschaften der Schweiz, Finnlands, Frankreichs und der Tschechoslowakei ins Ziel. Die Mannschaften Polens und Italiens gaben im Verlauf des Wettkampfes auf.
Während der Militärpatrouillenlauf, ähnlich wie das Curling, heute lediglich als Demonstrationswettbewerb verstanden wird, wurde, wie bereits unter Punkt 6.3 angedeutet, zum Zeitpunkt der Wintersportwoche von Chamonix keine Differenzierung in Demonstrations- und originäre Wettbewerbe vorgenommen.
Der Beschreibung des Schweizers Fritz Erb, Militärpatrouillenläufer der schweizerischen Mannschaft, zufolge stand diese Disziplin bei der Internationalen Wintersportwoche eher am Rand des Geschehens.

"[...] ich gehörte nur zur Militärpatrouille. Nur-? Ja, denn wir wurden irgendwie als olympische Außenseiter - das gab es also auch schon - behandelt. Das war übrigens verständlich. Schon bei der Geburt der Olympischen Winterspiele fehlte es den damaligen Helfern an Mut, das harmlose Spiel der Skisoldaten als Sport zu legitimieren. In der Verlegenheit, die das Erscheinen der bescheidenen Marsjünger im Kreis der noblen Olympiafamilie verursacht haben mag, taufte man den Eindringling "Démonstration", um damit die geistige Verwandtschaft zwischen Olympismus und Militär außer jeder Diskussion zu stellen."

ERB, F.: An der Wiege der Olympischen Winterspiele. In: Der Winter 39 (1951/1952), S. 195.

Der Militärpatrouillenlauf befand sich außer in Chamonix 1924 noch drei weitere Male im Programm der Olympischen Winterspiele, nämlich 1928, 1936 und 1948.

Tab. 20:   Sieger Militärpatrouillenlauf
über 30-km-Strecke  

1.SUI3:56:06 h8 Treffer  
2.FIN4:10:00 h11 Treffer  
3.FRA4:18:53 h5 Treffer  
Er kann in gewisser Hinsicht als Vorreiter des Biathlons gesehen werden, der sich wie der Militärpatrouillenlauf aus dem Langlauf und dem Schießsport zusammensetzt. Während heute der Biathlon sowohl als Einzel- als auch als Mannschaftswettbewerb durchgeführt wird, definierte sich der Militärpatrouillenlauf ausschließlich als Mannschaftswettbewerb. Drei der vier Mann umfassenden Patrouille mußte auf der Hälfte der 30-km-Strecke mit 18 zur Verfügung stehenden Schüssen auf 250 m entfernte Feldscheiben schießen. Pro getroffener Zielscheibe erhielt die Patrouille, die geschlossen im Ziel ankommen mußte, 30 Sekunden Zeitgutschrift, die von der Gesamtlaufzeit abgezogen wurde. Das Schweizer Quartett lief beispielsweise 4:00:06 Stunden, traf acht Zielscheiben, so daß nach Abzug von vier Minuten Bonifikation die Endzeit von 3:56:06 Stunden erzielt wurde. Aufgrund seines militärischen Charakters wurde dieser Wettbewerb nach dem Zweiten Weltkrieg abgeschafft.

 
6.3.5   Skilanglauf

"Von den rund 300 Wettkämpfern stellten die Skisportler mit 102 ein gutes Drittel und dokumentierten damit die Bedeutung ihrer Sparte sehr eindrucksvoll."

KAMPER, E.: Lexikon der Olympischen Winterspiele. Stuttgart 1964, S. 33.

Schon im Vorfeld der Wintersportwoche rechnete man mit einer großen Überlegenheit der norwegischen Skisportler gegenüber den restlichen Athleten. Diese Vermutung bestätigte sich auch im Verlauf der einzelnen Skisportwettbewerbe. Die Leistung der Norweger konnte man jedoch nicht nur den günstigen klimatischen Bedingungen zuschreiben, sondern sie resultierte auch aus physischer, materieller und technischer Überlegenheit.

"Les courses de fond, le saut sur le tremplin du Mont-Blanc et les courses de patrouilles connurent un très grand succès. Les Norwégiens soulevèrent en particulier l'enthousiasme, en triomphant d'une façon extrêmement spectaculaire dans la course des 50 km disputée sur une piste soufflée et glacée. (...)
    Le succès des Norwégiens était dû à une technique parfaite de l'utilisation du terrain; à une poussée puissante des bâtons; à une condition physique excellente; à la qualité de leur matériel et de leur fartage."

ERB, F.: Chamonix 1924. In: Lang, S. (Hrsg.): Encyclopédie Universelle des sports. Bd. 1. Monaco 1960, S. 35.

Waren die Norweger beim Militärpatrouillenlauf erst gar nicht angetreten, so stellten sie in den beiden Skilanglaufwettbewerben über 18 bzw. 50 km ihre Stärke deutlich unter Beweis.
Wie bereits beim Militärpatrouillenlauf so hatten auch die am Vormittag des 30. Januars über die 50-km-Distanz startenden Athleten gegen sehr diffizile Wetterbedingungen anzukämpfen.

"Un vent des plus violent, un froid des plus vif et le verglas, rendirent encore plus pénible cette belle épreuve d'endurance, qui avait attiré sur tout son tracé, et notamment dans la descente du Belvédère, de très nombreux spectateurs."

COMITÉ OLYMPIQUE FRANÇAIS (Hrsg.): Les Jeux de la VIIIe Olympiade Paris 1924. Rapport Officiel. Paris 1924, S. 688.

Von den 33 angetretenen Läufern erreichten lediglich 21 das Ziel.

Tab. 21:   Sieger Skilanglauf 50-km-Strecke
1.Haug, T.NOR3:44:32 h  
2.Stroemstad, T.NOR3:46:23 h  
3.Gröttumsbraaten, J.NOR3:47:46 h  

Trotz dieser schwierigen Bedingungen schafften es die Norweger, die ersten vier Plätze für sich zu verbuchen und als einzige Teilnehmer unter der vier-Stunden-Marke zu bleiben. Die Ränge fünf bis acht gingen an die Schweden bzw. Finnen.
Der Siegeszug der Norweger in den Skisportwettbewerben setzte sich, ausgehend vom 50-km-Skilanglauf, auch auf der 18-km-Strecke fort, die am 2. Februar 1924 ausgetragen wurde.
 

"Une fois de plus les Norvégiens ont prouvé leur incontestable supériorité dans le sport du ski, et après avoir vu leurs admirables athlètes triompher en rangs serrés devant des concurrents redoutables que les Finlandais et les Suédois, on comprend mieux la jalousie avec laquelle ils veulent conserver pour les jeux nordiques le sport du ski, qui est leur véritable sport national."

LE CONCOURS DE SKI confirme la supériorité de la Norvège. In: L'Auto 03.02.1924, S. 4.

Tab. 22:   Sieger Skilanglauf 18-km-Strecke
1.Haug, T.NOR1:14:31 h  
2.Gröttumsbraaten, J.NOR1:15:51 h  
3.Niku, T.FIN1:16:26 h  
Obiges Zitat zeigt sehr deutlich, daß es den Norwegern bei diesen Wettbewerben um mehr als nur die Ehre ging. Vielmehr galt es, die Bedeutung der Nordischen Spiele, um deren Existenz sie im Vorfeld der Internationalen Wintersportwoche stark gefürchtet hatten, zu untermauern. Hatten sie über die 50-km-Distanz die ersten drei Plätze gewinnen können, so mußten sie auf der 18-km-Strecke den dritten Platz dem Finnen Niku überlassen.
Die 18-km-Distanz wurde neben den Spezialisten auch von den Wettkämpfern gelaufen, die an der Nordischen Kombination teilnahmen.
 

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